Zoom-Probesitzungen



Seit heute gehöre ich auch zu den Chorleiterinnen und Chorleitern die behelfsmässig mit der Videoplattform Zoom proben. Verdankenswerterweise bin ich schon sehr früh durch kollegiale Tipps auf diese Plattform aufmerksam geworden, war jedoch bisher zugegebenermassen recht skeptisch. Auch wenn die Sicherheit von Zoom teilweise stark kritisiert wird, habe ich jedoch keine anderer Plattform gefunden, die in Sachen Audioeinstellungen mehr zu bieten hat. Teams kann hier schlicht nicht mithalten. Natürlich gibt es im Bereich professioneller Studiotechnik noch bessere virtuelle Austauschmöglichkeiten. Die sind jedoch derart ressourcen- und kostenintensiv, dass eine private Nutzung nicht in Frage kommt.

So treffe ich heute meine Klassen und meinen Chor zum ersten Mal in einem Videochat, der eigentlich vorwiegend für Sitzungen mit akustischen Erweiterungsmöglichkeiten konzipiert wurde. Das erweist sich sofort als ziemliche Herausforderung. In einer Videositzung wird nämlich in der Standarteinstellung immer die Sprecherin oder der Sprecher auf dem Bildschirm gross hervorgehoben. Es ergeben sich dadurch bei Grossgruppen mit unerfahrenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit Chorerwartungen anfangs immer ziemlich schräge Szenen. Wird nämlich das Mikrofon beim Betreten des virtuellen Raums nicht ausgeschaltet, erscheinen immer wieder Personen auf dem Hauptbildschirm, die sich ihrer SprecherInnenrolle gar nicht bewusst sind. Bei einer Teilnehmerinnenzahl von über 60 Personen kann das am Anfang schon zu einem ziemlichen Tumult führen, bis jeder oder jede das Spiel verstanden hat. Blöderweise kann man als Moderatorin oder Moderator diese Situation nicht gut im Voraus üben. Wer kann schon 60 virtuelle Zugänge in Zoom simulieren...Darum merkt euch im Vorfeld gut, wo der "alle stumm schalten" Knopf ist. Selten konnte ich in einer Chorprobe derart effizient quasi auf Knopfdruck für Ruhe sorgen. Jeder Chor muss sich während oder besser schon im Vorfeld eines Meetings damit abfinden, dass eine wirkliche, gemeinsame Probe mit einer Sitzung- oder Besprechungseinrichtung wie Zoom eigentlich gar nicht möglich ist. Die einzige Person die akustisch interaktiv tätig sein kann oder sogar muss ist die Chorleiterin oder der Chorleiter; er oder sie gestaltet eine Probe quasi als "One(wo)manshow", ohne ein Feedback des gesamten Chorklangs zu haben. Als ich ich heute meine erste Probe mit Zoom durchführte, fand die Interaktion unter den Teilnehmenden denn auch ausschliesslich optisch, geistig oder sprachlich mit durchaus spannenden Einzelvoten statt, aber eigentlich fast nicht musikalisch. Direkte musikalische Interaktion ist mit Zoom leider nicht oder nur sehr beschränkt möglich.

Viele Chorsängerinnen und Chorsänger beklagten sich auch über schlechte Verbindungsqualitäten. Wobei die Unterschiede hier massiv waren. Beruhigt hat mich die Tatsache, dass unsere Übertragungsrate offensichtlich doch meist schnell genug war, dass doch in einem gewissen Sinne zusammenhängende Musik erfahrbar wurde. Wie geht es nun weiter? Meiner Meinung nach eignen sich Zoomproben für einen inhaltlichen, sprachlichen Austausch über Musik und ihre Eigenschaften. Ganz im Sinne einer Musiksitzung. Wir machen parallel musikalische Erfahrungen und sprechen darüber. Eine für mich fremde aber durchaus auch spannende Form der Chorprobe. So werde ich gezwungenermassen auch in den künftigen Wochen vermehrt "musikalische Sitzungen" an Stelle von Chorproben durchführen. Zum Glück können viele meiner Sängerinnen und Sänger schon auf eine reichhaltige Chorerfahrung zurückblicken....

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