Vom Umgang mit Schweizer Volksmusik

Aktualisiert: 12. März


Kürzlich diskutierten ein Lehrerkollege und ich mit einer Schulklasse über ihren Bezug zu Volksmusik. Wie heute schon fast überall üblich, war die Gruppe multikulturell bunt gemischt. Viele Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund berichteten über einen durchaus positiven Bezug zu Volksliedern und Volkstänzen aus dem Herkunftsland ihrer Eltern. Es wurde von lebensfrohen Volksmusikfesten aus der Türkei, Italien oder Bulgarien berichtet. Nur über Erfahrung mit Schweizer Volksmusikaktivitäten wusste die Gruppe eher wenig zu sagen.

Eine der grössten Schweizer Volksmusiksammlungen stammt, man höre und staune, aus dem Baselbiet, obwohl das Baselbiet in der Schweiz vermutlich nicht unbedingt für einen explizit sehr konstruktiven Umgang mit Schweizer Volksmusikgut bekannt sein dürfte. Hanny Christen, eine Familienangehörige des «Betonchristenclans», konnte als weibliches Mitglied einer gut situierten bürgerlichen Familie vor rund 100 Jahren nicht arbeiten. Daher hat sie ihre Leidenschaft zum Lebensinhalt gemacht und akribisch unzählige Volkslieder und Volkstänze aus der ganzen Schweiz gesammelt. Vor zwanzig Jahren wurde ihr Werk schliesslich aufwendig von einem Zürcher Komponisten in zehn Sammelbänden aufgearbeitet.

Als ich vor einigen Jahren die Aufgabe hatte, einen Komponisten zu finden, der ein Chorstück mit regionaler Verknüpfung im Volksliedton zur Region Basel schreiben sollte, war das keine einfache Aufgabe. Der Komponist und Pianist Stefan Furter, den ich schon länger persönlich kenne, schien mir jedoch für die Konzeption eines Stücks mit regionalem Bezug gut geeignet zu sein, weil er vorher schon etliche Werke in dieser Art geschrieben hatte. Auch er bezog sich damals in seinem Stück auf Hanny Christen und hat dafür eigens in ihrer Sammlung recherchiert. Sein Chorwerk, «Freikunsärt» knüpft als Collage an nationale und regionale Volksliedsätze direkt an. Ich wurde damals kein einziges Mal auf diesen Umstand angesprochen und bin mir gar nicht sicher, ob das damals im Kreis des Europäischen Jugendchorfestivals überhaupt gross bemerkt wurde.

Ich gehöre auch eher zu jenen Musikerinnen und Musikern, die sich im Bereich Sammeln von geeigneten Chorsätzen im Volksliedton gerne enagagieren und auch mal gespannt rumstöbern. Schon vor x Jahren hat mich ein bekannter westschweizer Chorleiter an einem Festival angesprochen und gesagt: «Weshalb habt ihr in der Deutschweiz eigentlich keine Chorkomponisten?» Ich habe ihm geantwortet: «Wir haben schon Chorkomponisten, man kennt sie einfach nicht.» Am nächsten Tag hat er mich dann dankbar wie Luft behandelt.

Was hat diese Geschichte nun mit Schweizer Volksmusik zu tun? Meiner Meinung nach sehr viel. Die beschriebene Situation zeigt exemplarisch auf, wie viele Regionen der Schweiz typisch föderalistisch häufig hauptsächlich nur mit sich selber beschäftigt sind. Die Freiburger sind stolz auf ihre Chormusik, die Appenzeller schwärmen von ihrer Streichmusik, die Innerschweizer stehen auf ihre Örgelimusik. Kürzlich sagte mir ein Appenzeller Landwirt: «Mit äre Klarinette chasch doch beschtefalls än Zunpfohl ischlo!"

Ehrlich gesagt bin ich als Baselbieter Weltbürger teilweise auf so viel Regionalcolorit dann fast schon wieder etwas eifersüchtig. Neben «Bärn isch überall» und ambitioniertem «Bündner Chormusikexport» empfinde ich die Region Basel kulturpolitisch in der Vermittlung regionaler Identität schon fast als Niemandsland zwischen Chemiewolkenkratzern und Chirsibaumhainen. Am ehesten hat die Fasnachtskultur einen gewissen regionalen Idenditätscharakter, der jedoch zumindest medial in den letzten Jahren eher an Bedeutung verloren hat.

Nein, es ist nicht einfach, eine Erklärung dafür zu finden, weshalb Hanny Christen in der Region Basel eher unbekannt geblieben ist. Hat es mit der für die Region schwierige «Stadt-Landgeschichte» zu tun? Musste man sich bewusst vom «ländlichen Bauernstand» abgrenzen? Wurde Hanny Christen als Frau und Laiin zu wenig wahrgenommen?

Die Art und Weise, wie in der Nordwestschweiz mit Volksliedgut umgegangen wird, lässt mich daher schon länger ziemlich ratlos zurück. Sammlerinnen und Sammler gibt es nur noch spärlich. Bestehende, bewährte Literatur wird in der breiten Öffentlichkeit nur wenig zur Kenntnis genommen. Vielleicht helfen ja die geplanten Jubiläumsanlässe zum Christenjubiläum. Immerhin soll jetzt ein volksliedartiges Stück von Hugo Dudli, ehemaliger Baselbieter Seminarlehrer im Band „Schweizer Volksliedsätze» der Schweizer Chorverbände veröffentlicht werden.

Warum tun wir uns so schwer im Umgang mit Volksliedern? Dabei kommen gewisse Lieder oft noch besser weg als Instrumentalsätze, so äusserten sich zumindest einige meiner Schülerinnen und Schüler, die im Beitrag von Potzmusig zum Appenzeller Ländlerfest viele ihrer Vorurteile bestätigt vorfanden. Sie erwähnten nach der Betrachtung Dinge wie «eher älteres Publikum», «sehr ernst im Ausdruck, «etwas gleichförmig und klanglich wenig abwechslungsreich».

Interessant ist, dass man das Baselbieterlied in der Schule auch heute trotzdem immer noch gut singen kann. Auch mit dem bekannten "Buurekanon" habe ich immer wieder gute Erfahrung gemacht. Wenn unsere Jugendlichen aktiv mit Volksmusik konfrontiert und dabei auch involviert werden, entsteht sofort eine ganz andere Bezugsebene. Musik, die sie selber vorher als fremd und verstaubt empfunden haben, wird für sie plötzlich wieder konkret persönlich erfahrbar. Genau deshalb gehören Volkslieder auch heute in den Musikunterricht und sollten auch sonst dringend wieder mehr gesungen und gepflegt werden.

Wenn wir möchten, dass gewachsenes Volksmusikgut weiterhin praktiziert und tradiert wird, müssen wir vermehrt Projekte und Situationen schaffen, wo das wirklich geschehen kann. Das Sinfonieorchester Basel geht mit seinem Projekt «Vo Bärg und Tal» meiner Meinung nach in die richtige Richtung. Es hilft nichts, über die Unkenntnis und Inakzeptanz von Volksmusik zu klagen. Wir müssen viel mehr wieder vermehrt Situationen schaffen, in denen Begegnungen mit alter und neuer Schweizer Volksmusik konkret möglich werden.


"s`Freikunsärt" von Stefan Furter am Europäischen Jugendchorfestival 2018, Pauluskirche Basel

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