Tagesstrukturen im Baselbiet

Aktualisiert: 21. Sept.



Vor wenigen Tagen besuchte ich einen Elternabend der Primarschule Füllinsdorf. Er lief sehr ruhig und gesittet ab bis zu dem Moment, als die Lehrpersonen erwähnten, dass es für die Kinder am besten sei, den Schulweg alleine zu bewältigen und auf Elterntaxis doch bitte wenn immer möglich verzichtet werden sollte.

Plötzlich wurde die Diskussion um Einiges intensiver. Für gewisse Kinder sei der Schulweg schlicht zu unsicher und zu weit, zumal der Schulbus nicht die ganze Gemeinde bedienen könne, wurde moniert. Ein anderer Vater stellte die Frage, warum es in Füllinsdorf eigentlich keine Tagesstrukturen vor Ort gäbe, schliesslich müssten er und seine Frau tagsüber arbeiten.

Kürzlich habe ich in Füllinsdorf für die SP Unterschriften für eine gebührenfreie Kinderbetreuung gesammelt. Die Reaktionen waren damals interessanterweise durchwegs positiv und viele betroffene Passanten erwähnten, dass hier dringender Handlungsbedarf bestehe. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Mann der sagte: «Ja, das ist ein wichtiges Anliegen, aber bei Euch unterschreibe ich sicher nicht.» Leider steht die SP mit ihrem Einsatz für Tagesstrukturen auf weiter Flur alleine da im Baselbiet…

Bereits im Jahr 2017 hat das «Amt für Kind, Jugend und Behindertenangebote», das seine Büroräumlichkeiten ebenfalls Füllinsdorf hat, eine Broschüre zur Unterstützung bei Entwicklungen schulergänzender Betreuungsangebote für Gemeinden herausgegeben. Das ist notabene schon über fünf Jahre her und in Füllinsdorf ist trotzdem herzlich wenig an eigentlich dringend notwendigen Konzepten zur familienergänzenden Kinderbetreuung gearbeitet worden. In dieser Broschüre steht explizit: «Nicht von Beginn an kann mit einer hohen Auslastung gerechnet werden, deshalb ist ein Entwicklungsbudget notwendig, das die Ausgaben und Einnahmen nach gestaffelter Belegung mind. im ersten und zweiten Betriebsjahr kalkuliert (monatlich, sofern während dem Semester jeweils noch Anmeldungen möglich sind; ansonsten pro Semester).» Füllinsdorf hat sich jedoch damit begnügt, eine Bedarfsabklärung zu machen und bietet seither ein- bis zweimal pro Woche einen Mittagstisch an. Von einer etablierten Tagesstruktur kann nicht die Rede sein und die Gemeinde steht mit diesem Phänomen nicht alleine da.

Von einer gut aufgestellten Tagesstruktur profitieren vor allem Familien, in denen beide Elternteile arbeiten. Bezogen auf Füllinsdorf beobachte ich, dass auf Grund der schlechten Betreuungssituation vor allem viele gut ausgebildete Frauen häufig auf eine regelmässige Erwerbsarbeit verzichten müssen oder wollen.

Es ist schwierig festzustellen, wie viel steuerbare Erwerbsarbeit dabei nicht wahrgenommen werden kann, es sind jedoch einmal mehr oder eigentlich seit Jahrzehnten vorwiegend die Frauen, die auf Grund fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten keiner Erwerbstätigkeit nachgehen können und deshalb teilweise im Alter empfindliche Renteneinbussen hinnehmen müssen.

Dass es auch anders geht, zeigt die Gemeinde Pratteln. Da dort schon früh Industrie angesiedelt worden ist, und oft beide Elternteile arbeiten mussten, existieren dort bereits seit Jahrzehnten Tagesstrukturen. Auch wir mussten von Füllinsdorf aus auf eine Pratteler Krippe ausweichen und für die Betreuung unserer drei Kinder im Vorschulalter ziemlich viel Geld und «Bring- und Abholstress» investieren, damit beide Elternteile die Erwerbstätigkeit aufrechterhalten konnten. Jetzt, da alle Kinder in die Schule gehen, hat sich die Situation etwas entspannt.

Wenn man die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung von Pratteln anschaut, dürfen Tagesstrukturen als Faktor nicht vernachlässigt werden. Sie ermöglichen seit Jahren, dass Eltern ihre Erwerbsarbeit trotz Kindern in einer gewissen Lebensphase aufrechterhalten können, was sich später oft persönlich und finanziell als Gewinn herausstellen kann.

Die Regierung hat aktuell die Intitiative der SP zur ergänzenden Familienbetreuung ohne Gegenvorschlag abgelehnt und die Bearbeitung des Themas auf Jahre hinausgeschoben. Stattdessen konzentriert sie sich auf Steuerentlastungsvorlagen. Als Familienvater und Person mit Blick auf die ganze Gesellschaft kann ich dieses Vorgehen einfach nicht gutheissen. Hier braucht es dringend ein klares «Jo» an Stelle von «mir wei luege».

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