Tag 1: Leichter Schnupfen

Aktualisiert: Jan 6


Seit mehreren Wochen ist bei uns in der Familie niemand krank gewesen. Am Wochenende geht es dann plötzlich wieder los. Bei den momentanen Fallzahlen ist dabei leider die Wahrschenlichkeit, dass ein Kind das Virus haben könnte, deutlich gestiegen. Bisher haben wir uns jedoch auf die Aussage der SpezalistInnen verlassen, dass Kinder das Virus nur wenig verbreiten. In der Nacht auf Montag ist unsere Kleinste plötzlich aufgewacht und wild hustend in unser Bett gestiegen. "Sollte sie jetzt das Coronavirus gehabt haben, wäre es das schon gewesen", denke ich mir. Mit Atemschutzmasken kann man nun wirklich nicht schlafen.

Es beginnt einige Tage später mit einem ganz leichten Kratzen im Hals, wie ich es vor ein paar Wochen schon einmal gehabt habe. Ist das nun schon ein leichtes Krankheitssymptom? Vorerst verfolge ich mein Programm noch normal weiter, zum Glück stehen nicht sehr viele Termine an. Überall trage ich eine Maske und halte den Sicherheitsabstand ein. Dann kommt plötzlich zum leichten Halskratzen noch Schnupfen hinzu. Nicht sehr stark aber doch so, dass der Nasenfluss auffällt. Bei uns zu Hause haben in dieser Woche alle mit ähnlichen Symptomen zu kämpfen. Fieber oder schweren Husten hat jedoch niemand. Laut neuesten Vorgaben des Bundes soll man sich ja nun auch bei leichten Symptomen testen lassen. Ich entschliesse mich also, den Unterricht abzusagen und fahre am frühen Morgen stattdessen zur Teststation nach Muttenz. Da ich weiss, dass dort viele Infizierte anwesend sein werden, ziehe ich bereits im Auto eine etwas teurere dafür besser schützende neue Ffp2-Maske an. Am Eingang werde ich freundlich begrüsst. "Sie müssen Ihre Maske entsorgen und diese hier anziehen," sagt die Dame am Empfang. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich diese Maske extra kurz vorher neu angezogen habe. Es ist jedoch nichts zu machen. "Vorschrift ist Vorschrift". Ich denke laut darüber nach, rechts um kehrt zu machen und frage: "Bin ich denn der einzige hier, der zum besseren Schutz ein Ffp-2-Maske tragen möchte?" Die Assistentin sagt gelassen: "Ja. Möchten Sie sich nun doch testen lassen?" Ich lenke ein. Sie gibt mir die neue Maske, die wahrscheinlich absolut genügt, da ja auch sie diese Sorte trägt.

Im Gebäude steht ein Securitaswächter, der die Leute einweist. Schön sortiert nach Sektoren und mit sauberem Schutzkonzept stehen die Stühle da. Ich setze mich auf einen angewiesenen Platz und fülle das Eintrittsformular aus. Anschliessend heisst es warten. In meinem Sektor wird ab und zu wacker gehustet und geröchelt. "Ich hoffe, ich bin genügend geschützt", denke ich mir. Nach rund dreissig Minuten bin ich an der Reihe: An einem 2. Posten wird meine Krankenkasse registriert und ich erhalte ein Datenblatt für die Triage. Beim Zugang zu den Teststationen fragt mich ein Arzt: „Wie geht es Ihnen?" “Gut", sage ich. "Welche Symptome haben Sie?" "Leichten Schnupfen". Er erklärt mir das weitere Vorgehen. Zum Abschluss sage ich: "Mit Schnupfen hat man meistens kein Corona, oder?" "Vermutlich ja." "Ich hoffe, ich habe mir nun Corona nicht hier aufgelesen." "Nein, wo denken Sie hin? Wir haben hier schon über 30‘000 Personen getestet und mir ist keine Person bekannt, die sich hier angesteckt haben soll." "Das ist beruhigend" antworte ich.

Kurz darauf sitze ich im Testkabäuschen. Das, was ich schon viel auf Bildern gesehen habe, wird nun auch für mich Realität. Mir wird ein Stäbchen für den Abstrich in die Nase geschoben. Der anschliessende Rachenabstrich erzeugt bei mir wie immer brechreizerregende Reflexe aber schliesslich ist auch das geschafft. Dann heisst es wieder warten. Nach weiteren dreissig Minuten werde ich aufgerufen: "Herr Siegrist, kommen Sie bitte."

Ich werde zum Schalter gebeten und der Assistent sagt: "Wir haben Ihren Abstrich untersucht. Sie sind coronapositiv."

Interessanterweise lässt mich diese Diagnose im ersten Moment erstaunlich kalt. Mein Gefühl sagt mir, dass es mir im Moment eigentlich recht gut geht. Alles weitere wird sich so oder so zeigen. Ich muss in einem weiteren Kabäuschen auf das Austrittsgespräch mit einem Arzt warten. Man hört erstaunlicherweise wesentlich weniger Hustengeräusche als vorher, obwohl hier die meisten positiven Fälle landen. Der Arzt sagt mir vor allem, was ich jetzt machen muss. Ich frage ihn, wie wir uns als Familie nun verhalten sollen. Er spricht von Selbstisolation und Isolierzimmer. Ich erkläre ihm, dass die Kinder das Virus vermutlich vor mir gehabt haben. "Haben Sie sie getestet?" fragt er. "Nein, wir haben uns an die Bundesvorgaben gehalten. Nach denen muss bei Familien erst getestet werden, wenn eine erwachsene Person Symptome zeigt." "Dann könnten Sie es ja auch woanders her haben..." Etwas ungestüm erwidere ich, dass Kinder Erwachsene offensichtlich auch anstecken können und die Schulen bei derart hohen Fallzahlen doch eigentlich geschlossen werden müssten..."Das ist eine politische Entscheidung. Dazu habe ich nichts zu sagen." Kurz darauf darf ich nach 2.5 Stunden das Testcenter wieder verlassen und begebe mich in Isolation. Krasserweise habe ich mich wahrscheinlich genau so angesteckt, wie ich immer befürchtet habe; nämlich in der Familie. Später stellt sich heraus, dass fast zeitgleich zwei nahe Arbeitskollegen, zu denen ich seit Wochen keinen persönlich direkten Kontakt mehr ohne Maske gehabt habe, positiv getestet worden sind. Ist das Virus vielleicht doch wo anders her gekommen? Diese Frage lässt mich etwas ratlos zurück, da ich mich ausserhalb des Privatlebens sehr konsequent geschützt und nicht mal mehr mit anderen zu Mittag gegessen habe. Meines Wissens habe wenigstens ich am Arbeitsplatz auf diese Weise niemanden mehr zusätzlich angesteckt. Aber was soll’s. Woher das Virus gekommen ist, spielt jetzt eigentlich auch keine Rolle mehr.

Nach neun Monaten hin und her, Lockdowns, Homeschooling, Sicherheitskonzepten, verschärften Sicherheitskonzepten bis Singverboten ist es nun plötzlich wirklich da, das Virus. Seine Präsenz nimmt ihm ein Stück weit seinen Schrecken. Bisher fand ich unseren gesellschaftlichen Kampf gegen das Virus wesentlich schwieriger als die direkte Konfrontation. Mal schauen, ob das die nächsten Tage so bleibt, die Hoffnung stirbt zuletzt....






187 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Innehalten