Sorgenfächer Deutsch und Mathe

Aktualisiert: 13. Nov.



Man hat es schon mehrfach lesen können; es steht nicht unbedingt gut um die Fächer Mathematik und Deutsch in der Volksschule Baselland. Ich frage mich schon länger, weshalb ich mit elf Jahren schon praktisch fehlerfrei Aufsätze schreiben konnte (Deutschaufsatz 1985) und unsere Kinder bisher weit davon entfernt sind. Hätten wir als Eltern zu Hause den Hausaufgaben mehr Aufmerksamkeit schenken sollen? Haben wir zu stark auf die eigenständige Wirkung des heutigen Bildungssystems vertraut?

Heute konnte man von einem Vorstoss im Landrat lesen, gemäss welchem in Zukunft eine schlechte Beurteilung in den sogenannten Kernfächern an der Sekundarschule nicht mehr mit Musik- oder Sportnoten kompensiert werden soll. Ist das eine sinnvolle Massnahme? Erhöht sich dadurch der Druck nicht noch mehr und die Situation wird eventuell noch verknorzter?

Rückblickend konnte ich persönlich in einem ziemlich gelassenen Bildungsumfeld aufwachsen; wir hatten zwar Samstags noch Schule, gleichzeitig aber auch viel Freizeit und vielfältige Betätigungsmöglichkeiten. Ich kann mich nicht erinnern, kiloweise Übungshefte und Arbeitspapiere mit mir umhergeschleppt zu haben. Wenn ich dagegen die Schultaschen unserer Kinder anschaue, könnte einem teilweise schier übel werden….

Wie habe ich es damals nur geschafft, ohne derart viele Hilfsmittel richtig zu rechnen und zu schreiben? Eines ist wohl unumstritten; Kinder sind unglaublich aufnahmefähig. Offensichtlich hat mich auch der damalige Unterricht wirksam dazu angeleitet, meist korrekt zu schreiben. Warum ist das heute nicht mehr unbedingt gegeben? Viele Eltern und Institutionen berichten von massiven Rechtschreibmängeln und auch in Zeitungen haben Schreibfehler in den letzten Jahren exponentiell zugenommen.

Wer kennt den Basler Reformpädagogen Jürgen Reichen? Er gilt als Vater der Methode «Schreiben nach Gehör». Er ist unter anderen dafür verantwortlich, dass unsere Kinder heute noch «Geburztag» schreiben, weil es vermutlich eines der meistgeschriebenen Wörter der Primarschulzeit sein dürfte. Gewisse Kantone haben die Methode schon länger verboten. Wie steht es wohl dort um die Rechtschreibung der Kinder? Warum wird trotz offensichtlichen Misserfolgen in Baselland an dieser Methode festgehalten? Expertenwissen und kompetitiver Innovationszwang gefährden seit Jahren etablierte Ausbildungserfolge. Ja, Jürg Reichen hat mit seinem Konzept wirklich ganze Arbeit geleistet.

Ich mag Mathematik bis heute. Das Rechnen hat mir immer Spass gemacht und ich habe gerne geknobelt und geübt. Obwohl das Schweizer Zahlenbuch von einem ähnlichen Ansatz aus geht, beobachte ich heute bei unseren Kindern nicht unbedingt eine Matheeuphorie. Seitenweise werden längst verstandene Rechnungskonzepte wiederholt und Flüchtigkeitsfehler regelrecht eintrainiert. Ich bin versucht zu denken «weniger wäre mehr» oder wenn gerechnet wird, dann bitte möglichst häufig von Anfang an richtig, mit Fokus und Konzentration und ohne seitenweise, sinnlose Repetition. Nein, konzentriertes, begleitetes Üben ist nicht das Spezialgebiet der heutigen Volksschule viel lieber lässt man die Kinder unter dem Deckmantel der Förderung von Selbstkompetenz für sich selber wursteln und selektioniert später gnadenlos mit der Einforderung der Fähigkeiten, die man häufig gar nicht wirklich nachhaltig geschult hat.

Meiner Meinung nach lässt sich dieses Problem nicht mit angepassten Promotionsbedingungen beheben. Vielmehr sollte wieder vermehrt über pädagogische Grundhaltungen gesprochen werden. Die Lehrperson als Bezugsperson ist für den Lernfortschritt der Kinder enorm wichtig. Sie kann ressourcenorientiert auf die Kinder eingehen, geduldig und liebevoll Entwicklungen fördern und gewisse Pflichten unterstützend und klar einfordern.

Damit das geschehen kann, muss man die Schule jedoch zuerst entlasten. Entlasten von Kompetenzbibeln, Elterlichem Ehrgeiz, vom Druck der Wirtschaft, von der Lehrmittelflut, vom Druck durch Vergleichstests, vom totalen Zwang zur optimalen Chancengerechtigkeit und Integration hin zu einer Schule, in der sich die Lehrpersonen wieder vermehrt menschlich und gelassen um ihre Schülerinnen und Schüler kümmern können. Lernen gelingt in einem entspannten, klaren Umfeld nachweislich am besten. Das gilt mit Sicherheit auch für die Fächer Mathematik und Deutsch.


Alleine bin ich mit meinen Wahrnehmungen nicht:

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