Singen in der Kälte


Der Herbst ist nun definitiv angebrochen. Die Temperaturen liegen knapp über zehn Grad Celsius und es ist regnerisch kühl. Im Normalfall wäre man froh, in einem warmen Schulzimmer mit einer Schulklasse Herbstlieder von "Autumn comes" bis "Autumn leaves" zu singen und damit neben Körper auch etwas die Seele zu wärmen. Doch in Zeiten von Corona ist plötzlich alles anders. Es stellen sich neue Fragen: Wie gefährlich sind infektiöse Aerosole im Klassenzimmer? Vermögen Schutzmasken genügend stark zu schützen? Das lässt uns zögern... Ein Lehrerkollege hat zur Prävention ein CO2-Messgerät angeschafft. Die Luftqualität und damit auch indirekt die Aerosolkonzentration kann damit laufend überwacht werden. Dass damit in einem grösseren Raum mit dreissig Personen die Werte nicht sehr rasch ansteigen, empfinde ich in gewissem Masse als beruhigend. Es braucht also wahrscheinlich doch einiges, bis die Virenlast der Luft grosser Räume erheblich ansteigt. Aber wirklich sicher sein kann ich mir da nicht.

Also bleibt momentan nichts anderes übrig, als zusätzlich noch regelmässig zu lüften, was die Temperaturen in den Zimmern jeweils sehr rasch sinken lässt. Es wird dann schnell fröstelig in den Unterrichtszimmern; vom Energieverschleiss gar nicht zu sprechen. Neben leeren Bussen und stärkerem Individualverkehr eine weitere Folge der Krise, die ich vor einem Jahr nicht für möglich gehalten hätte.

Doch die Schülerinnen und Schüler sind weiterhin gut am Ball. Sie arbeiten aktiv mit, bringen sich ein und versuchen gemeinsam, das Beste aus der Situation zu machen. Allen Unkenrufen zum Trotz, unterstützen sie die Schutzmassnahmen und tragen diese mit, obwohl sie nicht zur Risikogruppe gehören. Nach dem ersten Tag seit Unterrichtsbeginn geht es mir wieder wie nach der Sommerpause. Mit einem vorerst etwas mulmigen Gefühl habe ich den Arbeitsalltag wieder aufgenommen. Obwohl die Fallzahlen stetig ansteigen, funktioniert aber dann die Schule für alle sehr rasch wieder erstaunlich gut. Das positive Gefühl der gemeinsam gestalteten Musiklektionen und des Schullebens überwiegt die Beschwernisse. Am Abend treffe ich einen Teil meines Erwachsenenchors zu einer Stimmenprobe wieder. Auch hier überwiegt die Dankbarkeit, einfach gemeinsam zu singen. Auch wenn wir viele Lüftpausen machen müssen, gewisse Sängerinnen und Sänger mit Maske singen, überwiegt das positive Klima, das für alle wahrnehmbar ist. Ich realisiere wieder, dass Chormusik mir und vielen Menschen viel bedeutet und uns gerade auch zu Coronazeiten näher zueinander bringen kann.

Gemeinsames Singen ist auch in diesen Zeiten mehr als nur ein blosses Gesundheitsrisiko. Es ist eine Chance, sich als klingender Teil eines grossen Ganzen zu fühlen. Wir ertragen dabei die Coronakrise gemeinsam und sitzen in einem Boot. Mitfahren ist zwar gefährlich, vom Boot zu springen jedoch keine wirkliche Option, da wir uns damit selber aufgeben und in den Untiefen des Ozeans verlieren würden. So singen wir in der Kälte, um wenigstens dann und wann gemeinsam doch noch etwas menschliche Nähe und Wärme zu spüren, solange die Infektionszahlen es zulassen....


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