Offener Brief

Aktualisiert: Jan 31



Sie sind weit verbreitet zu Coronazeiten; die offenen Briefe. Schon vor Weihnachten haben etliche Kolleginnen und Kollegen der Kulturszene offene Briefe verfasst, Petitionen mit tausenden von Unterschriften lanciert, Manifeste geschrieben....bisher meist alles ohne Erfolg. Obwohl Ansteckungen nur in Einzelfällen wirklich nachgewiesen werden konnten, wurde der ganze öffentlich Kulturbereich seit Oktober staatlich praktisch verboten. Eine ausgesprochen harte und existenziell bedrohende Massnahme. Gleichzeitig macht sich die Regierung mit den Bereichen, die noch offen bleiben nicht gerade sehr glaubwürdig. Ansteckungen in St. Moritz, Wengen und jüngst Arosa zeigen deutlich auf, dass Skifahren selber zwar unproblematisch ist, der ganze Zirkus darum herum bei offenen Grenzen jedoch ein erhebliches Risiko darstellt.

Seit Beginn des „Chorlockdowns" empfinde ich die getroffenen Massnahmen als unverhältnismässig. Wenn in Tagestätten, an Weihnachtsfeiern, in Chorschulen und Schulklassen ab der Mittelstufe unter keinen Umständen mehr gesungen werden darf, geht mir das einfach zu weit. Meiner Meinung nach lassen sich diese Massnahmen mit gesundem Menschenverstand nicht mehr rechtfertigen.

Als Profi darf ich weitersingen. Das habe ich bisher auch getan; ironischerweise auch zu einem Zeitpunkt als ich vermutlich ansteckend gewesen bin. Einige Kolleginnen und Kollegen von mir haben später dann eine Warnung der "Swisscovid App" erhalten. Diese hätte man vermutlich auf mich zurückführen können. Angesteckt hat sich jedoch meines Wissens niemand durch mich.

Gemäss meiner Erfahrung nützt die Maske demnach wirklich etwas. Habe ich doch damals immer konsequent eine Maske getragen und so vermutlich niemanden angesteckt. Aber ich bin halt nur ein harmloses, unbeutendes Chorleiterchen und kein Koch. Wie kann man sich so Gehör verschaffen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Trotzdem haben sich letzte Woche eine Exponenten der Basler Chorszene zusammengetan, um sich in die Autorenserie der offenen Briefe einzureihen. Wir haben ein gutes, schlüssiges Schreiben verfasst; treffend formuliert und überzeugend argumentiert. Auch meine Unterschrift ist gut zu erkennen und ich habe den Brief vielen Bekannten zukommen lassen. Die Reaktionen waren bisher eher spärlich.

"Ihr seid ja existenziell nicht bedroht und könnt Entschädigungen beziehen. Da sind andere viel übler dran," sagte eine Kollegin. "Wenn die Krise vorbei ist, könnt ihr eure Arbeit wieder aufnehmen. Eventuell besteht dann sogar ein gewisses Nachholbedürfnis." Natürlich wird es vermutlich nach der Krise wieder einen Aufschwung geben. Das gilt für alle von starken Einschränkungen betroffenen Tätigungsfelder. Was mich bis heute schockiert ist die Tatsache, dass man mit dem gemeinsamen Singen eine Betätigung verboten hat, die im Grunde ein Urbedürfnis des Menschen darstellt. Singen hilft, sich sozial als Gruppe zu formen und zu sensibilisieren. Ich kenne fast keine Betätigung, die diese Effekte ähnlich stark bewirken kann. Daher lässt sich das Singverbot nicht mit Geld aufwiegen. Es geht hier nicht nur primär um Geld sondern auch darum, wie stark ein Staat die Entscheidungsfreiheit und Betätigungsmöglichkeiten seiner Bürger zusätzlich einschränken darf. Dass im Weiteren in der Öffentlichkeit Chorsingen als verantwortungslos angeprangert und verunglimpft wird, können wir als professionelle Chorleiterinnen und Chorleiter nicht einfach so stehen lassen. Dies ist ein weiteres Zeichen der Entfremdung von uns selbst und dürfte im Zuge der rasend voranschreitenden Digitalisierung Folgen haben, die weit über die Pandemie hinausgehen. Es war unsere Pflicht, auf diese Probleme und unmittelbaren Bedrohungen hinzuweisen. Auch wenn bisher viele dazu schweigen...


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