Mein Grossvater der Pionier

Aktualisiert: Juli 26


Museen Muttenz,Max Thalmann,Lizenzbedingungen CC BY-SA 4.0

Im Jahre 1955 sah es an der Hofackerstrasse in Muttenz wie auf dem obigen Bild aus. Damals wurde sie ihrem Namen noch gerecht und hatte teilweise ein noch sehr landwirtschaftlich geprägtes Erscheinungsbild. Kein Asphalt, keine Abflussrinnen und Strassenbeleuchtungen; ein schlichter Landweg mit ein paar barackenähnlichen Gebäuden sind zu sehen. In den Fünfzigerjahren setzte an dieser Stelle ein grosser industrieller Bauboom ein. In nur zwanzig Jahren sollte er das Gesicht dieser Strasse wesentlich verändern.

Genau in dieser Zeit suchte mein Grossvater, Ernst Siegrist, einen Bauplatz für ein neues Firmengebäude. Nachdem er sich in einer Posamentenfabrik in Zofingen auf Grund seiner bemerkenswerten Fähigkeiten zum technischen Leiter hochgearbeitet hatte, beschloss er, mit seiner Familie nach Basel zu ziehen und sich als Unternehmer selbständig zu machen. Mit Hilfe des Basler Coiffeurverbandes (und seinem eigenen Coiffeur?) konnte er Finanzgeber finden, gründete bald darauf eine Aktiengesellschaft und baute kühn ein eigenes Firmengebäude in Muttenz. Die Familie lebte am Anfang im Dachgeschoss des Gebäudes, wo eine Wohnung für die Inhaber eingeplant worden war. Das finanzielle Risiko, das mein Grossvater mit diesem Bau auf sich genommen hatte, war enorm hoch. Mein Vater hat mir erzählt, dass es eine Zeit lang so aussah, als ob er das Gebäude aus finanziellen Gründen gar nicht fertigstellen könnte. Er liess sich jedoch nicht von seiner Vision abbringen, bis der Bau schliesslich wie geplant errichtet worden war. In genau diesem Moment begann die jüngere Geschichte der Familie Siegrist in Muttenz und somit eigentlich auch meine Geschichte. Meine zwei Onkel und mein Vater führten den Betrieb nach dem tragischen, frühen Herztod meines Grossvaters in den Sechzigerjahren gemeinsam mit meiner Grossmutter als Familienunternehmen weiter. Die drei Brüder gründeten Familien und richteten sich ihren Wohnsitz in Muttenz ein. Das Werk meines Grossvaters prägte somit eine ganze Generation und schuf Rahmenbedingungen, die uns Kindern unter anderem ermöglichten, Ausbildungen nach persönlichen Neigungen in Angriff zu nehmen. Während die Vorfahren meines Grossvaters über Generationen hinweg als Bauern im Aargau gelebt hatten, finden sich in meiner Generation plötzlich Biologen, Produktmanager, Ökonomen, Kauffrauen, Journalistinnen und LehrerInnen wieder. Wir waren quasi die erste Generation, die ihre Lebensgestaltung aktiv selber in die Hand nehmen konnte. Meine Onkel und mein Vater waren von der ersten Minute an eng mit dem Schicksal der Posag AG (so hiess die gegründete Firma meines Grossvaters) verbunden. Am stärksten betraf das meinen Vater, der als jüngster Spross der Familie den Betrieb auch in Zeiten weiterführen musste, in denen sich die wirtschaftliche Situation im Textilsektor laufend verschlechtern sollte. Die Firma wurde vor wenigen Jahren verkauft, das Gebäude gehört heute dem Staat. Dort wo früher meine Grosseltern mit ihren Kindern wohnten, entstand günstiger sozialer Wohnraum; in den ehemaligen Produktionshallen arbeitete später die Projektleitung des neuen Fachhochschulgebäudes von Muttenz.

Meinen Grossvater, der Initiator unserer neueren Familiengeschichte war, kennt heute auf Grund seines frühen Todes niemand mehr. Sein Grab wurde schon lange aufgelöst. Obwohl auch ich ihn nicht gekannt habe, ziehe ich meinen Hut vor ihm. Ohne seinen unglaublich mutigen Pioniergeist wäre vieles meiner eigenen Geschichte nicht möglich geworden.


Hofackerstrasse Muttenz, 2020. Rechts die ehemalige Posag AG.


Blick auf das Gebäude aus Richtung der neuen FHNW


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