Jugendalbum

Aktualisiert: Mai 4


Wer hat sie nicht, die Erinnerungen an seine eigene Jugendzeit. Die Medienlandschaft des letzten Jahrhunderts hat dazu geführt, dass Generationen von Jugendlichen sich individuell mit der Musik ihrer Generation festgehalten auf Tonträgern von Vinylplatten über Tonbandkassetten und CDs bis zu Mp3-Playern und Cloudsystemen technisch und emotional identifizieren konnten. Durch die Nutzung dieser neuen Medien hat sich die Vermittlung von musikalischen Inhalten gewandelt. Im Zentrum steht seither der eigene, vorwiegend elektronisch entwickelte und festgehaltene Sound, der als Produkt verkauft wird, und nicht unbedingt die Künstlerin oder der Künstler, der mit seiner Kunst universelle, musikalische Werke schaffen will. Dadurch ist die Musik konsumierbarer und vergänglicher geworden, auch wenn in der jüngeren Geschichte Bands wie die Beatles riesige Hypes auslösen konnten.

Auch ich höre die Musik meiner Jugendzeit heute noch gerne. Dazu gehört insbesondere Sting, der neben seiner kommerziellen Seite in seinem umfassenden und offenen Wirken immer auch neue Wege und interessante Kombinationen gesucht hat, die ihn bis nach Basel an die Schule für alte Musik führten. Es gab aber in meiner Jugendzeit noch andere Jugendalben. Nämlich diejenigen, die ich am Klavier spielte. Bis heute ist mir wie wahrscheinlich vielen Pianistinnen und Pianisten Schumanns "Album für die Jugend" besonders in Erinnerung geblieben. Vielleicht hat die eine oder der andere aus biografischen Gründen auch zwiespältige Gefühle diesem Werk gegenüber, aber für mich war Schumann in der Jugendzeit eine Entdeckung. Toll war auch, dass ich diese Entdeckungsreise aktiv am Klavier, ohne Walkman Disc- oder MP3-Player, machen konnte. Somit driftete ich nicht willkürlich passiv in eine ferne Welt ab, sondern konnte meine Entdeckungsreise aktiv selber mitgestalten. Der Mensch und Künstler, der durch diese Musik zu mir sprach fasziniert mich bis heute.

Als ich aus aktuellem Anlass mal wieder "Mai, lieber Mai" gespielt hatte, begann ich wieder zu recherchieren und machte eine neue Entdeckung, von der ich bisher nichts gewusst hatte. Schumann schrieb in sein Album für die Jugend nämlich auch wie eine Art pädagogische Leitsätze zu seinen Schwerpunkten in der musikalischen Erziehung. Als Literat und Herausgeber war ihm wichtig, seine musikpädagogische Haltung in 74 Thesen; er nannte sie "Musikalische Haus- und Lebensregeln" schriftlich festzuhalten.

Hier einige Beispiele:

"Such’ es nie in der Fertigkeit, der sogenannten Bravour. Suche mit einer Composition den Eindruck hervorzubringen, den der Componist im Sinne hatte; mehr soll man nicht; was darüber ist, ist Zerrbild."

"Was heißt denn aber musikalisch sein? Du bist es nicht, wenn du die Augen ängstlich auf die Noten gerichtet, dein Stück mühsam zu Ende spielst; du bist es nicht, wenn du (es wendet dir Jemand etwa zwei Seiten auf einmal um,) stecken bleibst, und nicht fortkannst. Du bist es aber, wenn du bei einem neuen Stück das, was kommt, ohngefähr ahnest, bei einem dir bekannten, auswendig weißt, — mit einem Worte, wenn du Musik nicht allein in den Fingern, sondern auch im Kopf und Herzen hast. –"

"Wie wird man aber musikalisch? Liebes Kind, die Hauptsache, ein scharfes Ohr, schnelle Auffassungskraft, kömmt wie in allen Dingen von Oben. Aber es läßt sich die Anlage bilden und erhöhen. Du wirst es, nicht dadurch daß du dich einsiedlerisch Tagelang absperrst, und mechanische Studien treibst, sondern dadurch, daß du dich in lebendigem, vielseitig-musikalischem Verkehr erhältst, namentlich dadurch, daß du viel mit Chor und Orchester verkehrst. –"

Klingt 150 Jahr später vielleicht etwas verstaubt, aber....

Sich Musik umfassend "zu eigen" machen, sich ihr mit Hingabe widmen, das ist es, was ich mir auch für die heutige Jugend wünsche. Wie sieht wohl ein pädagogisch konzipiertes "Album für die Jugend" für KlavierschülerInnen heutzutage aus? "Itˋs easy to play piano"? "Europäische Klavierschule"? "Lerne Klavierspielen in fünf Tagen"? "Klavierspiel mit Fun"?


Mai, lieber Mai, bald bist du wieder da! Album für die Jugend

Robert Schumann (1810-1856)

No 13, Tempobezeichnung: "Nicht schnell"

Klavier: Jürg Siegrist

Aufnahme: Noe Siegrist. (I-Pad Pro).














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