Innehalten



Vom 20. Februar 2020 stammt mein letzter Eintrag im Veranstaltungskalender meiner Homepage. Seither habe ich ihn nicht mehr aktualisiert. Warum nicht? Ganz einfach: Alle Veranstaltungen, die ich seither mitgestaltet habe, waren keine öffentlichen Konzertveranstaltungen, die beworben werden müssten, sondern eher kleinere, interne Anlässe. Es gab schon den einen oder anderen Auftritt, jedoch immer nur als geschlossene Veranstaltung. Meinen Konzertkalender werde ich dann aktualisieren, wenn wieder eine Veranstaltung, an der ich mitwirke, offen als Anlass besucht werden kann. Wann das wohl sein wird?

Die Reduktion der Aufführungen ist eine Art "Innehalten". Ich hätte mir auch "Stillstand" als Titel des Artikels vorstellen können, aber dieser Begriff war mir zu wertend. Die Zeit steht auch zu Coronazeiten nicht still, aber die Umstände zwingen mich, weniger auf Auftritte hinzuarbeiten sondern, meine Arbeit auf andere Felder zu fokussieren. Dies führt zu neuen Erfahrungen, die durchaus auch interessant sein können, und zu Möglichkeiten, gewisse Gewohnheiten in ruhigen Minuten zu hinterfragen.

Ich habe in den letzten Jahren Beispielsweise praktisch nur auf Auftritte hin Klavier geübt. Es gab damit eigentlich immer genug zu tun, um pianistisch fit zu bleiben. Nun habe ich seit längerer Zeit wieder angefangen, mehr Klavier für mich zu üben und dabei gewisse Stücke, die ich früher mal gespielt habe, wieder entdeckt. Das Üben ist auch zu einem Moment geworden, in dem ich innehalten kann. In jungen Jahren war das für mich eine Selbstverständlichkeit oder gar ein Bedürfnis. Die Coronakrise hat mich nun gelehrt, das eigene, aktive Musizieren wieder vermehrt auszuüben.

Seit einem Jahr hat zudem meine Mediennutzung stark zugenommen. Leider kann ich hier nicht von einem "Innehalten" sprechen. Die Kommunikationskanäle und der Kommunikationsaufwand am Computer haben sich im letzten Jahr geradezu potenziert. Alle erwarten von mir, dass ich mich selbständig auf x Kanälen über neueste Entwicklungen informiere. Das bedeutet ziemlich viel zusätzlichen Stress verbunden mit der Angst, eine wichtige Information mal zu verpassen, und anschliessend blöd dazustehen. Ich höre dann innerlich jeweils schon im Voraus: "Das hättest du doch wissen müssen".

Das Innehalten beim Spielen einer Beethovensonate wird dabei plötzlich zu einer wichtigen Insel, auf der all äusseren Ansprüche in einem Moment verschwinden, und nicht mehr so wichtig sind. Ich denke, dass momentan viele Menschen derartige Inseln suchen, brauchen und hoffentlich auch finden. Momente des "hier und jetzt" ohne Fallzahlen und Impfstatistiken sind momentan sehr wohltuend und heilsam. Nun ist es jedoch so, dass immer noch viele Aktivitäten im "hier und jetzt" nicht so ausgeübt werden können, wie das eigentlich wünschenswert wäre. Konzerte mit fünfzig Personen mit Schutzkonzept, Chorproben mit Teilchören, Blasmusikproben mit Anzahlsbeschränkung sind nur wenige Beispiele von Einschränkungen, die wir immer noch über uns ergehen lassen müssen.

Natürlich machen wir das beste daraus und klar, es ist besser als gar nichts. Trotzdem fällt auf, dass die Einschränkungen zur Zeit immer noch wesentlich höher sind, als sie es vor einem Jahr nach dem Lockdown gewesen sind. Laut Expertengruppe des Bundes müssten die Fallzahlen zur Zeit zusätzlich noch wesentlich höher sein. Sie sind es jedoch nicht und das Virus geht einmal mehr seinen eigenen Weg, ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Prognosen. Bleibt zu hoffen, dass sich diese Tendenz in den nächsten Monaten fortsetzt. Dann können wir hoffentlich bald vom Innehalten wieder mehr in eine Phase des aktiven Gestaltens übergehen.


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