Ideenklau

Aktualisiert: 15. Dez 2020


Ideenklau gehört im Musikbuisness seit je her dazu. Schon Komponistinnen und Komponisten älterer Zeit haben sich einen Spass daraus gemacht, bei anderen abzuschauen oder ganze Melodien anderer Werke zu zitieren. Das ist ein sehr unterhaltsames und spannendes Forschungs- und Experimentierfeld. Bekanntlich haben sich jedoch aus dem Ideenklau in neuster Zeit auch riesige Konfliktfelder aufgetan. Gewisse Szenen machen sich einen regelrechten Sport daraus, bei anderen zu klauen, und versuchen damit gross Geld zu machen. Die Konsumenten kümmert dies oft wenig. Hauptsache die Huldigung oder der Kult stimmt, egal woher die Musik ursprünglich kommt.

Heikler wird es, wenn zwischen Ideengeber und Ideenklauer ein Machtgefälle besteht und der Klauer sich unberechtigt mit einer fremden Idee schmückt, während der ursprüngliche Urheber dagegen gar nicht viel ausrichten kann. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist das Lied "the lion sleeps tonight" der US-Amerikanischen Band "the tokens". Das Lied wurde ursprünglich von einer Gruppe aus Wanderarbeitern mit dem Titel "Mbube" in Südafrika eingespielt. Die Grundzüge des Lieds sind identisch mit "Lion sleeps tonight", wenn ich es jedoch nach einer kurzen Einführung jeweils meinen Klassen abspiele, ist das Erstaunen ob der fremden Klängen jeweils gross. Die Stimmen klingen roh und erdig, einfach begleitet und eher rudimentär aufgenommen. Wenn ich dann jeweils kurz darauf die bekannte US-amerikanische Version abspiele, schaukeln jeweils alle munter mit. Solomon Linda hat später erfolgreich einen Urheberrechtsstreit in dieser Sache gewonnen und wurde als Ideengeber von "Lion sleeps tonight" nach jahrelangen Prozessen schliesslich doch noch entschädigt.

Vor ungefähr zwei Jahren hat der Schweizerische Chorverband einen Kompositionswettbewerb für das Gesangsfest 2022 in Gossau ausgeschrieben. Es ist nicht einfach, für Laienchor zu komponieren. Schon gar nicht, wenn es ein Lied sein muss, das möglichst für alle tauglich sein soll. Die ausgeschriebenen Prämien waren auch nicht unbedingt fürstlich und so sind vermutlich nur wenige Stücke eingereicht worden. Vor einigen Jahren hatte ich bereits einmal Lust, für ein Jugendchorfestival ein niederschwelliges Stück zu schreiben. Das Stück "dito" war damals ein kleiner Wurf und wurde anschliessend in Lausanne von tausend Jugendlichen gesungen. Ich würde es mal als recht gut gelungene "Gebrauchskomposition" beschreiben. Nach dieser Erfahrung versuchte ich also auch für das Gesangsfest in Gossau ein "Gebrauchsstück" einzureichen. Obwohl es gar nicht unbedingt der Ausschreibung entsprach, entschloss ich mich, einen möglichst niederschwelligen "Kanon der vier Landessprachen" zu schreiben. Die Stimmen sollten nicht zu hoch oder zu tief und sehr eingängig gesetzt sein. So hatte es auch die Ausschreibung verlangt. Wie bei allen Kunstwerken ist nach deren Vollendung schwierig einzuschätzen, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Meiner Meinung nach ist mir jedoch ein süffiges, niederschwelliges Werk gelungen. Leider wurde es nicht prämiert und wird deshalb auch nicht zum Einsatz kommen. Vielleicht war es zu einfach gesetzt? Vielleicht war die Harmoniefolge nicht ganz ausgereift? Ich weiss es nicht. Feedback gab es wie so oft bei Wettbewerben keines. (unter anderem deshalb mag ich Kunstwettbewerbe nicht besonders...)

Heute habe ich per Post ein Büchlein mit den Preisträgerwerken erhalten. Ich staunte nicht schlecht als ich den Festivalsong erblickte. Ein Kanon in den vier Landessprachen gesetzt vom Präsidenten des Wettbewerbs und der Musikkommission des Gesangfests.

Zufall? Ideenklau? Wie auch immer, ein Glanzwurf ist wahrscheinlich auch dieser Kanon nicht. Aber ich wünschte mir schon länger einen intensiveren, sachlichen, schweizweiten Austausch zum Thema "zeitgenössische Chorkomposition" fern von Reviergeplänkel.


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