Eine Reise ohne Reise


Am nächsten Sonntag würde sie beginnen; die Bildungsreise nach Barcelona. Wie viele Schulen der Sekundarstufe II führten vor Corona auch unsere Abschlussklassen Jahr für Jahr einwöchige Abschlussreisen mit Begleitung von zwei Lehrpersonen durch. Dieses Konzept führte in den letzten Jahren immer wieder für hitzige Diskussionen in unserem Kollegium. Während die einen den Wert des Reisens auch im Bildungsbereich hoch einschätzen, beklagen sich andere seit Jahren vermehrt über die immer höhere Konsumhaltung, die die Schülerinnen und Schüler an solchen Anlässen an den Tag legen würden. Tatsächlich hat sich der Stellenwert des Reisens in den letzten Jahren in unserer Gesellschaft verändert. Dies gilt im übrigen aber nicht nur für die junge Generation. Die jungen Menschen verfügen schon sehr früh über einschlägige Reiserfahrungen im In- und Ausland und nicht selten werden bereits auf Sekundarstufe I aufwändige Abschlussreiseprojekte durchgeführt. Als ich vor rund einem Jahr mit meiner Klasse einmal mehr in die Diskussion rund um die Abschlussreise eingestiegen bin, stand schon ziemlich bald das Ziel Barcelonca fest. Da der finanzielle Aufwand einer solchen Reise für die Schülerinnen und Schüler doch beträchtlich ist, pflege ich jeweils die Schülerinnen und Schüler aktiv in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Interessanterweise setzen sich dadurch oft Standarddestinationen wie Prag und Amsterdam oder eben Barcelona durch. Kurz nach der Entscheidung sagte mir ein Lehrerkollege am Mittagstisch: "Also nach Barcelona würde ich mit meiner Klasse nie reisen wollen. Die wollen doch dort nur abfesten." Selbst nach über zwanzig Jahren Unterrichtserfahrung ist mir diese Sicht jedoch etwas einseitig. Einerseits kann jede Reise, egal wohin, bei guter Vorbereitung inhaltlich viel abgewonnen werden, andererseits sind es jeweils nur wenige, die in jugendlichem Übermut wirklich über die Stränge hauen möchten. Es ist jedoch für die Lehrpersonen immer wieder eine Herausforderung, in unserer Zeit der vermeintlich immer kalkulierbaren Risikoplanung solche Fälle mitzutragen. Leider gibt es nämlich immer wieder Schülerinnen und Schüler, die es trotz intensiver Vorbereitung und schriftlichen Vereinbarungen zum Ärger aller Beteiligten nicht schaffen, auf einer Reise mit sich und der Gruppe genug selbstverantwortlich umzugehen.

Dieses Jahr ist jedoch alles anders. Die geplante Bildungsreise nach Barcelona musste auf Grund der Coronakrise abgesagt werden. Nach einiger Überlegungszeit haben wir uns jedoch entschlossen, das Thema nicht zu wechseln. So findet das Bildungsreiseprojekt nächste Woche für einmal unter dem Motto "Barcelona - eine Reise ohne Reise" statt. Die Klasse hat in verschiedenen Gruppen Themen und Workshops zu Barcelona vorbereitet. So wird es einen Ausstellungsraum mit dem Titel "am Meer" geben, wir werden mit Hilfe von Google Earth einen virtuellen Rundgang durch Barcelona machen und ein selbst entwickeltes Spiel zum Thema Tourismus spielen. Auch Tätigkeiten wie Katalanisch singen, sprechen, tanzen und kochen werden nicht zu kurz kommen. Die wirkliche Reise holen wir dann eventuell später mal nach.....




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