Ein Jahr nach dem Chorverbot…



Vor ziemlich genau einem Jahr ist das geschehen, was vorher für viele Sängerinnen und Sänger nicht denkbar war. Das Chorsingen wurde für Laien in der ganzen Schweiz verboten. Wir sassen zuhause, besuchten Zoomkurse und konnten so zumindest noch den Kontakt zu unseren Chormitgliedern halten. Die Entscheidung schien jedoch auf Grund einiger verheerender, sogenannter Topspreaderanlässe in der Chorszene vernünftig und nachvollziehbar. Dementsprechend hielt sich der Aufschrei ob des Verbots in Grenzen, schliesslich mussten ja alle vor dem Virus geschützt werden.

Ein Jahr später sieht nun vordergründig alles völlig anders aus. Rund 2/3 der Bevölkerung sind gegen das Virus geimpft, eine unbekannte Anzahl ist genesen und dadurch zusätzlich geschützt. Im Herbst wurden bereits viele Massnahmen gelockert und mit Hilfe des Zertifikats sind bereits wieder Chorproben ohne Maskenpflicht möglich. Ja, es tut gut, sich in den Chorproben wieder wirklich zu sehen.

Trotzdem: Die Fallzahlen steigen auch in diesem Winter an. Zusätzlich zeigt sich, dass die Impfung zwar recht zuverlässig vor schweren Verläufen, jedoch nicht immer vor Virenbefall schützt. So kann sich das Virus bei kalten Temperaturen, wie viele andere auch, munter weiter verbreiten.

Vor der Coronakrise gab es auch schon Viren. Es gab damals schon schwere Verläufe bei viralen Erkrankungen, wenn vermutlich auch in einem weniger grossen Ausmass als in den letzten beiden Jahren. Viren mit Erkältungsepisoden gehörten aber zum Alltag und hatten bei gesunden Menschen nur selten schwerwiegende Komplikationen zur Folge. Aber wirklich sicher konnte man sich schon damals nicht sein. Man war sich gewohnt, mit dem Risiko der Erkrankung zu leben.

In der Dynamik der realen Angst vor überfüllten Intensivstationen und täglich publizierten Fallzahlen und Zertifikatskonflikten hat sich auch hier die Situation radikal geändert. Auch wenn es wieder Konzerte gibt, die teilweise gut besucht sind, ist häufig auch eine gewisse Verunsicherung auszumachen. Wieviel Schutz brauche ich, wenn ich geimpft bin? Was bedeuten die steigenden Fallzahlen und neuen Forderungen nach Einschränkungen? Können wir uns dieses halbnormale Leben leisten oder steuern wir auf weitere schwierige Gesundheitskrisen zu?

Interessant ist, dass die Wissenschaft nach etlichen Fehleinschätzungen zum ersten Mal eingesteht, dass die weitere Entwicklung nicht wirklich vorhergesagt werden kann. Die Impfung schützt nicht vollumfänglich vor Übertragungen; zusätzlich sind viele Menschen gar nicht geimpft. Was bedeutet das für den weiteren Verlauf der Pandemie?

Die Fallzahlen sind zumindest zur Zeit noch nicht so stark angestiegen wie vor einem Jahr. Es scheint also doch bereits eine gewisse Resistenz vorzuliegen und die Impfung entfaltet ihre Wirkung. In Sicherheit kann man sich deswegen jedoch noch lange nicht wiegen. Aber das konnte man sich, wie schon erwähnt, auch vor der Krise nicht; das Leben ist immer auch ein Risiko.

Also bleibt in dieser Situation eigentlich nur eines: Wir müssen versuchen zu einem Leben zurückzufinden, in dem Krankheiten wie Covid normal sind und wie die Grippe einfach dazugehören. Wir haben dank wissenschaftlicher Technik bisher extrem verheerendere gesundheitliche Folgen abwenden können, nun geht es darum, einen Schritt weiter zu gehen und mit Einzug einer gewissen Normalität einschneidende Folgen der Krise in der Gesellschaft aufzufangen. Zahlen sollten daher nicht mehr publiziert, Medienkonferenzen zurückgefahren und den Menschen wieder ihr Leben selber überlassen werden. Vielleicht holt uns dabei schon bald die Realität ein, vielleicht auch nicht…



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