Ein Eidgenössisches Singverbot im Familienmodus


"Papi, durfte Maron, während ich weg war, Computer spielen?" Mit dieser Frage werde ich momentan praktisch tagtäglich konfrontiert. Unsere Kinder sind mit drei Jahren Abstand auf die Welt gekommen. Eigentlich kann man es daher in der omnipräsenten Computernutzungsfrage nie allen Recht machen. Der älteste Sohn besitzt mit elf Jahren noch kein eigenes Handy, ist jedoch am ehesten in der Lage , die Computernutzung sinnvoll und selbständig zu steuern, während unsere Kleinste, die noch im Kindergarten ist, viel eher auf beschränkte Nutzungszeiten angewiesen ist. Aber es ist nicht einfach, hier einen Kurs zu fahren, der allen Bedürfnissen gerecht wird. Aus Sicht der Jüngsten ist oft nicht nachvollziehbar, warum die älteren Brüder das begehrte Pad teilweise länger nutzen dürfen als sie selber. Die Debatten darüber sind Tag für Tag recht intensiv und es kommt nicht selten vor, dass ich die Geduld verliere, und unter wildem Protest aller Kinder für einige Zeit die Computernutzung ganz unterbinde. Vom ältesten Sohn erwarte ich öfters auch, dass er über gewisse eigene Bedürfnisse hinwegsehen kann, da er erwiesenermassen am Meisten Nutzungszeit für sich beanspruchen kann. Manchmal gelingt ihm das schon recht gut, manchmal überhaupt nicht. Am meisten Ruhe ist meistens dann, wenn die Situation klar ist und niemand das Gefühl hat, noch etwas für sich rausschlagen zu müssen.

Nun könnte man meinen, dass diese Verhaltensmuster im Erwachsenenalter langsam abgelegt werden sollten, dem ist aber nicht unbedingt so. Als vor wenigen Tagen das Schweizerische Chorverbot erlassen wurde, wollte man laut Verordnung zumindest das Singen in Schulklassen schweizweit teilweise noch ermöglichen. Leider war die entsprechende Bestimmung nicht sehr glücklich ausformuliert. Gewisse Kantone verboten daraufhin sämtliches Singen im Chor, andere wollten zumindest in der öffentlichen Schule nicht soweit gehen. Aus Sicht der singenden Jugend, die durch das Virus nicht stark gefährdet ist, wäre ein derartiger flexibler Umgang eigentlich sinnvoll gewesen. Interessant war zu beobachten, wie sofort nach Erlass des Verbots zwischen verschiedenen Kantonen und Institutionen verglichen und ähnlich wie bei Kindern fast infantil beklagt wurde, wenn ein Kanton im Klassensingen mehr Möglichkeiten offen liess als ein anderer. Ganze Verbände wurden im selben Atemzug auf den Plan gerufen, endlich für nationalen Ausgleich zu sorgen. Und so kam es, wie es in solchen Fällen auch im Familienleben kommen musste. Während ich bei Konflikten das Pad einfach mal wegstecke wurde im Zug "warum dürfen die und wir nicht" in Baselland das Klassensingen vor Kurzem auch noch praktisch vollständig verboten, obwohl es infektiologisch gar keinen Anlass dazu gegeben hat. So gesehen tickt die Schweizerische Coronapolitik demnach auch nicht viel besser als unser tägliches Familienleben.

Schwierig an der ganze Geschichte ist, dass am Schluss alle darunter leiden. Obwohl eigentlich dasselbe Bedürfnis besteht; nämlich das Singen vor allem in der Jugend trotz Coronakrise möglichst bald wieder möglich zu machen, erreicht man durch den Schrei nach Gleichheit genau das Gegenteil: Nämlich, dass am Ende überhaupt niemand mehr in der Schweiz als Gruppe singen darf. Derartige Gleichschaltungen und unsachgemässe Verhinderungspolitik ist dann im Gegensatz zu unserem Familienalltag alles andere als harmlos und gefährdet am Ende das, was man eigentlich momentan fördern und stützen sollte; nämlich das akut gefährdete Chorsingen in der Schweiz.




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