Coronale Schweizer Politlandschaften

Aktualisiert: 15. Dez 2020


Die Coronakrise wirkt teilweise wie eine Lupe. Gewisse Themenfelder oder Problematiken geraten plötzlich mehr in den Vordergrund. Ein solcher Bereich ist beispielsweise die Zusammenarbeit zwischen französischer und deutscher Schweiz. Hier haben sich meiner Meinung nach in den letzten Wochen sehr typische Politmuster gezeigt.

Es ist der 25. Oktober 2020. In der Westschweiz sind seit Anfangs Oktober die Fallzahlen schlagartig stark angestiegen. Noch liegt es in der Hoheit der Kantone, für eine Reduktion der Fallzahlen zu sorgen. In der Pause diskutiere ich mit ein paar Schülerinnen des Schwerpunktfachs Musik über die Zukunft des Chorsingens. Ich schildere, dass der Kanton Jura als erster Kanton das Chorsingen vollumfänglich verboten hat und daher ein ähnliches Verbot auch bei uns zu befürchten ist. "Das wäre aber wirklich sehr schlimm !", sagt eine der Schülerinnen. Der Zufall will es, dass auch eine Schülerin aus der Westschweiz dabei steht und sagt: "Wissen Sie, im Jura ist das so. Man lässt es laufen und nimmt es nicht so genau, und wenn es dann wirklich nötig ist, greift man hart durch." In dem Kanton, in dem ich lebe, sind die Gepflogenheiten nach meiner Beobachtung seit je her anders. Hier legt man im Stil "mir wei luege" eher Wert auf Autonomie, Kontinuität und massvolle Steuerung. So ist es nicht verwunderlich, dass die Fallzahlen in Baselland lange weniger stark ansteigen aber im entscheidenden Moment vor Weihnachten leider auch nicht mehr zurückgehen.

Nun beobachte ich seit längerem, dass die Leitung des Bundesamts für Kultur in fester westschweizer beziehungsweise fribourger Hand steht. Die Konflikte zwischen Baselbieter und Fribourger Politkultur waren also vorprogrammiert: Das Baselbiet wollte wahrscheinlich möglichst viel Autonomie erhalten, Fribourg restriktive Entscheidungen durchsetzen. Was das bedeutet, zeigt sich auch am nationalen Chorverbot: Das Autonomiebedürfnis des Baselbiets wurde in der Vernehmlassung (warum auch immer) zu wenig berücksichtigt, worauf eine riesige Debatte darüber entstand, ob an den Gymnasien nun doch noch gesungen werden darf oder nicht. Am Ende hat der Konflikt damit geendet, dass praktisch niemand mehr in Gruppen mit gutem Gefühl schweizweit überhaupt noch singen kann. Traurig. Das "nationale Chorverbot" ist in Europa einmalig. In vielen anderen Ländern wurde der Freizeitbereich gleichmässiger beschränkt und das könnte meiner Meinung nach unter anderem auch auf dem erwähnten "Röstigrabeneffekt" oder allgemein im schweizerischen Föderalismus begründet sein. (Siehe dazu den Artikel) Nun sind auf Grund der Restriktionen die Fallzahlen in der Westschweiz stärker gefallen als in der Deutschschweiz. Es zeigt sich auch, dass härtere Massnahmen längerfristig den stärkeren Effekt auf die Fallzahlen haben als weichere. Hier ist die westschweizer Politkultur "wenn, dann richtig" also eher im Vorteil. Es ist interessant zu beobachten, was nun aktuell geschieht. Während nämlich das Chorverbot Ende Oktober bei unterschiedlichen Fallzahlen gesamtschweizerisch auf Bundesebene gleichzeitig für alle erlassen wurde, haben sich jetzt die westschweizer Kantone das Sonderrecht erkämpft, Restaurants länger öffnen zu dürfen, da dies neu für alle bei tiefen Fallzahlen möglich sein soll.

Als deutschschweizer Chorleiter fühle ich mich nun schon etwas übers Ohr gehauen, mussten wir doch gesamtschweizerische restriktive Bedingungen bei noch tiefen Fallzahlen ohne Sonderrechte auf uns nehmen. Es wäre daher meiner Meinung nach glaubwürdiger gewesen, wenn der Bundesrat Öffnungszeiten der Restaurants auch hier einheitlich verordnet hätte. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass das Essen in Lokalen epidemiologisch sicher riskanter ist als Chorsingen. Wer isst denn schon auswärts mit einer Maske? Aber vielleicht wird ja mit ähnlichen Vorgaben bald auch das Chorsingen schweizweit wieder möglich? Das wäre ein schönes Weihnachtsgeschenk!


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