Chöre in der Gefrierstarre - ein Wuttext

Aktualisiert: 26. Dez 2020



Am Freitag lief einmal mehr eine Arena zum Thema Corona am Schweizer Fernsehen. Wenn ich ehrlich bin, mag ich gewisse Coronavisagen am Fernsehen fast nicht mehr sehen. Immer dieselben Floskeln, in denselben Plattformen und Zusammenhängen. Sollte die Impfung nicht wie gewünscht anschlagen, dann haben wir gesellschaftspolitisch im neuen Jahr vermutlich ein ernsthaftes Problem. Aber seien wir diesbezüglich mal zuversichtlich.

Interessant ist, wen man in diesem Zusammenhang zu Worte kommen lässt. Ich mag Restaurants, wir haben vor der Krise auch als Familie häufig Restaurants besucht aber es ist offensichtlich, dass Essen in einem Raum ohne Maske in einer grösseren, zusammengewürfelten Gemeinschaft zur Zeit einfach ein erhebliches Ansteckungsrisiko darstellt, und strenggenommen gefährdet jede oder jeder, der zur Zeit ein Restaurant in Innenräumen besucht, die nicht über ein sehr leistungsstarkes Lüftungssystem verfügen, sich selber und seine Mitmenschen.

Nun ist die Gastroszene politisch gut vernetzt. Andauernd werden in grösseren Medien Verbandsfunktionäre und Wirte interviewt. Das ist sinnvoll und richtig, über das existenzielle Leiden der Chorszene wird hingegen herzlich wenig berichtet, obwohl gesamtschweizerisch Chorleiterinnen und Chorleiter einer der einzigen Berufsstände darstellen, dem die Ausübung seit Ende Oktober explizit verboten wurde.

Ich empfinde dieses Verbot nach wie vor als skandalös und undifferenziert. Zusätzlich werden sämtliche Versuche konstruktiver Lockerungsvorschläge durch die Verbände regelmässig vom Bund in den Wind geschlagen. Gestern wurde in der Pressekonferenz die Frage gestellt, ob im Bundesrat wenigstens das Singen an kirchlichen Weihnachtsfeiern diskutiert wurde. Herr Berset hat ohne auch nur mit der Wimper zu zucken (was er eigentlich recht oft macht) mit "nein, wir haben nicht darüber diskutiert" geantwortet. Das empfinde ich schlicht als respektlos. Heute wird die Petition "ich singe also bin ich" mit rund 19ˋ000 Unterschriften, das ist immerhin die Grösse einer kleineren Stadt, in Bern eingereicht. Wird sie längerfristig etwas bewirken können?

Kürzlich telefonierte ich mit einer mir bekannten Chorleiterin. Sie erzählte mir folgende Geschichte: Ein Männerchor hatte, als es noch erlaubt war, gemeinsam geprobt. Mit gebührlichem Abstand, ob Masken getragen wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Tragischerweise war einer der Männer, die sich anschliessend noch einen Umtrunk in einem Restaurant gönnten, unwissentlich mit dem Virus infiziert. Es war leider nicht der erste Fall, bei dem es unter solchen Umständen später sogar zu Todesfällen gekommen ist.

Wo hat jetzt die Ansteckung stattgefunden? In der Chorprobe oder in der Beiz? Ich würde für mich in Anspruch nehmen, dass in unseren Proben die Schutzmassnahmen sehr umsichtig und vorsichtig umgesetzt wurden und somit Ansteckungen praktisch unmöglich waren. In vielen Chören wurden teilweise schon Masken getragen, als das gesamtschweizerisch noch kein Thema war. Es gab gleichzeitig leider auch Kolleginnen und Kollegen, die behauptet haben, man könne mit Masken nicht singen. Doch, das kann man! Nur beim anschliessenden Essen in der Beiz wird‘s halt dann schwierig...Singen mit Maske ist bis heute eine der einzigen Varianten geblieben, die bei höheren Fallzahlen überhaupt noch realistisch abwägbar sein könnte.

Natürlich wird das Singen mit Masken erheblich behindert. Aber ich habe mir schon damals gesagt, ich singe lieber mit Maske im Chor als gar nicht mehr. Mittlerweile hat sich die Maske sogar als das wirksamste Schutzmittel der Krise erwiesen, da man soziale Zusammenkünfte in einer Gesellschaft längerfristig nicht völlig unterbinden kann oder sollte. Insofern hat Daniel Koch mit seinem fachlich unqualifizierten Antimaskensplin der ganzen Chorszene im Frühjahr einen Bärendienst erwiesen.

Meine Worte klingen vielleicht verbittert, sollen sie auch. Ich empfinde die Ignoranz der Regierung gegenüber der ganzen Chorszene je länger je mehr als bodenlose Frechheit. Und das in einer Schweiz, die sich seit Jahrhunderten mit ihrem phänomenalen "Minderheitenschutz" brüstet. Als Höhepunkt der ganzen Entwicklung hat sich in der Arena der Vertreter der Gastroszene als "Prügelknabe der Nation" bezeichnet. Was soll denn die Chorszene sagen, die seit Ende Oktober nicht mehr proben darf? Man hat sie kurzer Hand lahm gelegt, quasi schockgefroren. Nun wird es langsam Zeit, dass Tauwetter einkehrt....





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