Popmusik in der Musikpädagogik


Vor etwa einem halben Jahr habe ich im Musikunterricht das Lied „Shallow" mit mehreren Klassen gesungen, lange bevor es einen Oscar erhalten sollte. Bei der Frage, ob das Lied bekannt sei, haben sich damals die wenigsten gemeldet. "Shallow" haben alle recht gerne gesungen, doch es war wie so oft, wenn ich mit Klassen Popmusik in Originallage musiziere. Es finden alle nett und schön, ein musikalisch intensives Erlebnis ist es jedoch häufig nicht. Vor allem dann nicht, wenn das Lied im Original von einer hohen Männerstimme oder einer extrem tiefen Frauenstimme gesungen wird. Am besten klingen diese Songs, wenn sie von Schülerinnen und Schülern mit ähnlicher Anlage solistisch gesungen werden, und die Klasse ein Arrangement dazu singt. Einstimmig in der Klasse gesungen sind viele Popsongs jedoch klanglich in der Originallage häufig unbefriedigend. Dies ist als Beobachtung und nicht als Wertung zu verstehen und wenn man bedenkt, wie Popmusik heute produziert wird, nichts als logisch. Es ist schlicht unmöglich, im Klassenverband singend an den Klang des technisch ausgefeilten Originals eines aktuellen, solostisch ausgerichteten Popsongs heranzukommen.

Vor Jahren hat mir eine erfahrene Kollegin erzählt, dass sie die stimmliche Entwicklung und Schulung ihrer Klassen vor allem mit der Auswahl der Literatur wirklich vorantreiben kann. Wenn diese These bis heute für den Unterricht relevant ist, dann müsste dringend die Diskussion geführt werden, welche Popmusik sich in welcher Form für den Klassenunterricht gut eignet. Wenn ich auf meine zwanzigjährige Lehrtätigkeit zurückschaue gibt es da gerade im weiten Feld der Popmusik grosse Unterschiede. Ich sage jeweils meinen Klassen, dass sie jederzeit Lieder wünschen dürfen, die Entscheidung, was wir aber wirklich singen, immer bei mir bleiben muss. Den Satz "Können wir nicht mal was aktuelles singen" höre ich wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen dabei ziemlich häufig. Der Aufwand, ein aktuelles Lied, sinnvoll für den Klassenunterricht aufzubereiten, ist jedoch meist derart gross, dass ich sogenannte "aktuelle Songs" nur selten im Unterricht einsetze. Und wenn es doch einmal so weit kommt, dann ist die Erfahrung, wie schon am Anfang des Artikels beschrieben, meist recht ernüchternd.

Interessanterweise verschwindet das Bedürfnis der Klasse, nach aktuellen Songs je höher die Singkompetenz der Schülerinnen und Schüler ist. Ist die Gruppe nämlich einmal soweit, dass sie mit verschiedenen Musikstilen klanglich ansprechende Erfahrungen machen kann, spielt die Stilistik plötzlich eine untergeordnete Rolle. Hautpsache alle Beteiligten inklusive die Lehrperson können mit der gewählten Musik etwas anfangen und es klingt gut. Mit einer Schulklasse so weit zu kommen, ist zwar ein anspruchsvoller, weiter aber für alle Seiten sehr bereichender Weg, den ich wärmstens empfehlen kann !

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