implizite und explizite Musikdidaktik


Michael Polanyi (1891-1976)

Heute fand in Luzern eine Tagung zum Thema "Kulturen der Schulmusik in der Schweiz" statt. Vor Ort waren Expertinnen und Experten in Musikdidaktik vieler musikpädagogischer Ausbildungen der Schweizer Hochschullandschaft. Unter anderem wurde auch über unser Eliasprojekt berichtet, was nicht zuletzt dazu geführt hat, dass ich als Musiklehrer quasi als Exot aus der Praxis diese Veranstaltung besucht habe. Zusätzlich war interessant zu beobachten, wie es um die Ausbildungen der zukünftigen Musiklehrerinnen und Lehrer der Schweiz steht.

Seit der Gründung der Fachhochschulen in der Schweiz sind schon etliche Jahre vergangen und die Tagung hat aufgezeigt, dass so etwas wie ein Konsens über wichtige didaktische Fragen in der Musikausbildung nicht existiert. Viel mehr hatte ich den Eindruck, dass die verschiedenen Teilnehmer in diesem noch sehr jungen Gefäss zwar intensiv diskutierten, dabei aber immer auch versuchten, eigene Modelle ihres fachdidaktischen Verständnisses an Mann und Frau zu bringen. In jüngster Zeit hat sogar der Nationalfonds Gelder für Forschungsprojekte im Bereich der Musikdidaktik gesprochen. Dementsprechend ist die Dynamik in diesem neuen Forschungsfeld recht hoch.

Eine grosse Frage, die immer wieder auftauchte, war, ob fachdidaktische Ausbildungen eher implizit oder explizit ausgerichtet sein sollen. Die Idee des impliziten und expliziten Wissens beruht auf einem Modell von Michael Polanyi, der dieses in den Sechzigerjahren entwickelt hat.

Unter den Fachdidaktikern herrschte ein regelrechter Streit über die Frage, ob Wissen und Können in der musikalischen Ausbildung implizit, also auch unausgesprochen, weitergegeben werden soll, oder vor allem explizit, also verschriftlicht, gelernt und reflektiert werden muss. Interessanterweise sprachen sich Didaktiker mit vorwiegend wissenschaftlichem Hintergrund eher für das explizite Modell aus, während diejenigen mit mehr musikalisch, künstlerischem Hintergrund eher für das implizite Modell votierten. Spannend war auch, dass die wissenschaftlichen Didaktiker teilweise immer wieder sanft zu erkennen gaben, dass eigentlich nur ihr explizites, also nach ihrer Auffassung richtiges Wissen, wirklichen Forschungskriterien entspräche. Damt stehen sie nach eigener Auffassung wahrscheinlich auch alleinig im Recht, von Forschungsgeldern zu profitieren.

Ich habe die Veranstaltung recht konsterniert verlassen. Einerseits kamen mir die Expertinnen und Experten recht vernarrt und fixiert auf die eigenen entwickelten Modelle und Wertungen, die meiner Meinung nach in Forschungsprojekten dieser Art eh keinen Platz haben dürften, vor. Zusätzlich dürfte genau dieser Umstand für die Weiterentwicklung dieses wichtigen Ausbildungsbereichs recht schwierig sein. Andererseits fand ich die Trennung von "implizit" und "explizit" gerade für den Fachbereich Musik nicht sinnvoll. Musik trägt seit jeher implizite und explizite Elemente in sich. Dem muss auch in der Ausbildung Rechnung getragen werden. Dass dabei explizite Elemente in Forschungsprojekten Priorität haben sollen, passt zwar zu unser Zeit, in der alles dokumentiert und objektiviert werden muss, macht aber für mich wenig Sinn denn wie schrieb schon Victor Hugo: Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann, und worüber zu schweigen unmöglich ist. Ebenso meint Michael Polanyi: "We know more than we can tell". Wir können gerne im Sinne einer Hilfe explizit über Musik reden und schreiben, doch wenn plötzlich nur noch das Explizite gelten soll und gefördert wird, gehen 90% unseres impliziten Wissens und Könnens flöten...…..

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